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Aug. 13, 2013 Redaktion Exoten, Tierschutz 0
Sie ist, fast liebevoll, „Lotti“ getauft worden und erlebt ein Medienecho, das dem Rummel, der seinerzeit um Knut, den tapsigen Eisbären gemacht wurde, schon recht nahe kommt. Doch das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei Alligatorschildkröten wie der Geierschildkröte der Name Programm ist. Wolfgang Bechtles „Bunte Welt im Terrarium“ beschreibt sie als uriges Tier, das einem das Gruseln lehren kann. Und gruselig ist ohne Frage, was hier, im beschaulichen Irsee im Ostallgäu, einem kleinen Jungen passiert ist. Denn dem wurde, mutmaßlich von einer Alligatorschildkröte, beim Baden die Achillessehne durchtrennt.
Nicht umsonst vergleicht Bechtle die Kiefer einer Geierschildkröte mit einer Riesenfalle. Eine Falle, die auch an einem menschlichen Bein oder Fuß eine verheerende Wirkung besitzt. Dabei lebt das „Ungetüm“ eigentlich in den Staaten, dürfte hierzulande also gar nicht freilaufend (bzw. schwimmend) unterwegs sein. Wie das wehrhafte Reptil (dem Mutter Natur seinen kraftvollen Gaumen eigentlich zur Fischjagd in die Wiege gelegt hat) in den bis dato weitgehend unbekannten Oggenrieder Weiher gelangt ist, darüber kann also nur spekuliert werden. Wahrscheinlich, mal wieder, durch einen Terrarianer, der seines „Lieblings“ überdrüssig wurde und den dann kurzerhand in der Natur entsorgt hat.
In der Tat könnte Lotti womöglich schon seit Jahren im Oggenrieder Weiher leben, glaubt (http://www.sueddeutsche.de/bayern/suche-nach-schildkroete-im-allgaeu-lotti-zieht-den-kopf-ein-1.1744634) sueddeutsche.de und titelt mit „Lotti zieht den Kopf ein“. Denn trotz aller Bemühungen, gar einer Belohnung von 1000 Euro, ausgesetzt durch den Bürgermeister höchst selbst, bleibt das mächtige Reptil verschwunden. Und das, obgleich man den Weiher zwischenzeitlich leer gepumpt hat und auch die Feuerwehr in Mannschaftsstärke vor Ort ist: „Keine Spur von Schildkröte Lotti“, bilanziert (http://www.focus.de/panorama/welt/tiere-wo-ist-lotti-suche-nach-alligator-schildkroete-geht-weiter_aid_1068893.html) daher der Focus, während die Welt orakelt (http://www.welt.de/regionales/muenchen/article118952769/Bayern-jagt-Lotti-die-bissige-Geierschildkroete.html), dass die Schildkröte aller Zeit der Welt hat.
Inzwischen ist auch Dr. Markus Baur, Leiter der Auffangstation für Reptilien in München und bekannt durch die VOX Sendung „Menschen, Tiere und Doktoren“, als Experte engagiert worden. Und warnt, dass bei einer Begegnung mit der Schildkröte zumindest Zehen und Finger (die ohne weiteres abgetrennt werden können!) in Gefahr sind. Der sieht generell in der Urlaubszeit ein Problem. Denn das sei alle Jahre wieder, auch bei den Reptilien, die große Aussetzzeit. Dann gilt, so der Tenor (http://www.reptilienauffangstation.de/aktuelles/PM/PM%20Urlaubszeit%20Aussetzezeit.pdf) einer Pressemitteilung: „Reisezeit … also weg mit dem Haustier!“
So fand, wie Baur berichtet, ein Familienvater einen gelben, mit wenig Sand ausgestatteten Eimer, wie er eigentlich für Fertiglebensmittel verwendet wird, in einem Münchner Park. Ein Eimer mit einem ungewöhnlichen Inhalt, denn zum Erstaunen des Mannes waren zwei kleine Moschusschildkröten im Sand vergraben. Glück im Unglück für die Tiere, dass der Vater durchaus sachkundig und hilfsbereit war. Denn der nahm die Schildkröten mit nach Hause und versorgte sie mit Wasser, eher er den Notdienst der Auffangstation für Reptilien alarmiert hat: „Wie seit Jahrzehnten summieren sich ausgesetzte oder zurückgelassene Tiere in der Ferien- und Urlaubszeit“, erklären hier die Experten. Die Ferienzeit sei daher nicht nur durch die Vielzahl der ausgesetzten Hunde, Katzen und Kaninchen, sondern auch wegen der Exoten eine für Tierschützer sehr prekäre Zeit.
„Solche Tiere können nach wie vor ohne große Hindernisse und Vorkenntnisse angeschafft werden“, beklagt man hier. Dabei würden gerade Reptilien im Unterhalt jede Menge Geld kosten und, auch wenn Gassi gehen und Katzenklo säubern wegfällt, viel Arbeit machen.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Denn viele der Reptilien können sehr alt werden. Die bis hundert Kilogramm schweren Geierschildkröten zum Beispiel gut 50 Jahre alt. Lotti könnte sich also, wenn man ihrer nicht habhaft wird, noch lange durch die schöne Allgäuer Natur fressen. Denn zwischenzeitlich geht man davon aus, dass sie die dort lebenden Enten, deren Rückgang bis dato unerklärlich schien, arg dezimiert hat.
Doch natürlich ist es nicht nur das gerupfte Federvieh, das unter solchen Exoten leidet. Bereits der Ochsenfrosch ist ein Problem, da er unseren heimischen Fröschen und Kröten die Nahrung wegfrisst und damit als übermächtiger Konkurrent um Lebensraum und Ressourcen in Aktion tritt. Als fertiger Lurch würden die mächtigen Nordamerikaner aber auch vor Fröschen, Fischen sowie frisch geschlüpften Jungenten und jungen Schildkröten nicht Halt machen, befürchtet (http://www.bund.net/themen_und_projekte/artenschutz/amphibien/bedrohung_schutz/gefahr_ochsenfrosch/) der BUND.
Ebenso können ausgesetzte Schmuckschildkröten zu einem Problem werden. Selbst das Polit-Magazin Spiegel befasste sich schon mit dieser Thematik und titelt (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/nordrhein-westfalen-ausgesetzte-schildkroeten-verdraengen-heimische-reptilien-a-80347.html) mit: „Ausgesetzte Schildkröten verdrängen heimische Reptilien!“
Auch kleinere exotische Schildkröten, die nicht an Lottis Bissgewalt heran reichen, können daher, in unserer Natur, wo sie nichts verloren haben, zu einem Megaproblem werden. Schande also über jene Halter, die sie ausgesetzt haben!
Copyright by Peter Hoffmann
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